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Termine am 12. August 2020

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Von Hilmar Kranenberg im Bereich Allgemein.

Predigt zum Sonntag Judika (29.3.2020), gehalten im Altenheim Drabenderhöhe.

Liebe Gemeinde, als Predigttext gibt es heute drei kurze Verse aus dem Hebräerbrief. Mehr nicht. Dort sind sie im 13. Kapitel zu finden. Die Worte machen uns deutlich, dass es nur noch zwei Wochen bis zum Karfreitag sind, die Passionszeit nähert sich ihrem Ziel. TEXT (Hebr 13, 12-14): Darum hat auch Jesus, um das Volk durch sein eigenes Blut zu heiligen, vor dem Tor gelitten. So lasst uns zu ihm hinausgehen vor das Lager und dort seine Schmach auf uns nehmen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Das ist ein seltsamer, schwer zugänglicher Abschnitt der Bibel. Zunächst ruft er wahrscheinlich ein großes Fragezeichen hervor: Was soll das? Wieso draußen vor dem Tor? Warum hinausgehen vor das Lager? Und was hat das mit der bleibenden Heimat zu tun? Und selbst wenn man das ganze Kapitel lesen würde, was ich Ihnen heute erspare, würden diese Fragen bleiben. Der Hebräerbrief, verfasst von einem uns namentlich nicht bekannten Autor, gehört mit der Offenbarung des Johannes wohl zu den am schwersten verständlichen Büchern des Neuen Testaments, wenn nicht der ganzen Bibel.

Dahinter stehen Vorstellungen und Bilder, die uns fremd sind. Das geht los mit dem Opfer: Jesu Kreuzestod ist ein Opfer außerhalb des Tempels, dieses Opfer findet nicht auf dem Altar statt. Und damit verlässt Jesus und mit ihm die Christinnen und Christen die jüdische Tradition und Glaubenswelt. Während für Paulus das Judentum die Wurzel des christlichen Glaubens ist, zieht der Hebräerbrief eine deutliche Trennung zwischen Juden und Christen. Darum also das Opfer außerhalb des Tempels, vor den Toren der Stadt. Dort, wo nach jüdischer Sicht der unreine Bezirk beginnt, findet das große Opfer Jesu statt. Dort fließt sein Blut, also der Saft des Lebens. Ein Opfer am unreinen Ort, ein Opfer zur Heiligung der Welt, aber eben ein Opfer das nicht in den Rahmen passt. Denn die Welt der Christen ist vor allem außerhalb der Stadttore zu finden, so sieht es der Schreiber dieser Zeilen. Und wir Christinnen und Christen sollen diesem Beispiel folgen, wir sollen ebenfalls die Sicherheit der Stadt verlasen. Wir sollen ihrer scheinbaren Heiligkeit den Rücken kehren. Wir haben hier keinen dauerhaft heiligen Ort, keinen Platz, wo uns das Heil gewiss wäre. Diese Sicherheit gibt es nur im Reich Gottes, nicht aber hier auf der Erde, wo wir leben. Auf heilige Orte, so sagt der Autor, müssen wir Christenmenschen verzichten. Und so sieht der Hebräerbrief uns in der Nachfolge des wandernden Gottesvolks, das seine Heimat noch nicht gefunden hat. Wir sind unterwegs zum Reich Gottes, wir sollen uns nicht behaglich einrichten. Denn – so könnte man zusammenfassen – unser Leben hier ist vorläufig, es ist weder endgültig noch heilig. Das alles kommt erst noch im Reich Gottes, zu dem uns Jesus Christus durch seinen Tod am Kreuz die Tür geöffnet hat.

Soweit eine kurze Erklärung dieser Verse in ihrem Zusammenhang. Ich befürchte nur, das wird Ihnen nicht reichen. Was sollen wir damit anfangen? Wo betrifft uns das in unserem Leben, im Hier und Jetzt? Und wie können uns diese Verse in den Zeiten von Corona helfen?

Zwei Sätze sind es, die mich hier besonders ansprechen: „Lasst uns hinausgehen vor das Lager“, so lautet der erste. „Hinausgehen? Schön wär´s!“ denken jetzt sicher einige von Ihnen. Im Moment fühlt man sich doch weitgehend eingesperrt. Hinausgehen sollen wir nach Möglichkeit doch nur, wenn es dringend notwendig ist. Und sowieso nicht, um andere Menschen zu treffen. Das gemütliche Schwätzchen im Park mit zwei oder drei anderen ist genauso untersagt wie der Besuch der Familie hier im Haus. Und auch für die Menschen, die nicht im Heim wohnen, ist es derzeit schwer. Wie will man denn Kontakte pflegen, wenn man sich nicht nahe kommen soll? Wohin kann man gehen, wenn bei jeder Begegnung mit einem anderen die Angst vor der Ansteckung mit dabei ist? Hinausgehen, Kontakt zu anderen ist im Moment für viele von uns Teil der Vergangenheit und hoffentlich auch einer baldigen Zukunft, aber es gehört nicht zu unserer Gegenwart. Es ist eine seltsame, beängstigende Situation, für uns alle ist das etwas absolut Neues. „Haltet euch von einander fern“ ist eine Mahnung, die wir so nicht kennen. Wir sind es doch gewohnt in Zeiten von Not und Gefahr zusammenzurücken. Aber jetzt eben nicht. Und wir wissen auch nicht, wie lange dieser seltsame Zustand noch andauern wird. Vielleicht noch drei Wochen, vielleicht auch fünf oder acht. Und wird alles danach sein wie vorher? Ich vermute nicht. Manches wird sich ändern; in der Politik, der Wirtschaft aber auch bei uns Menschen. Was sicher kommen wird ist die Erkenntnis, dass Gesundheit, dass das Leben ein Geschenk und keine Selbstverständlichkeit ist. Wir wissen das, doch wir leben oft nicht danach. Das bedeutet auf der anderen Seite der Medaille aber auch, dass Krankheit und Tod wieder mehr ins Bewusstsein rücken. Das sind dann keine Themen mehr, die verschwiegen werden, über die man nicht spricht, denn sie gehören zum Leben dazu. Um es plakativ zu sagen: unsere Bequemlichkeit, unsere scheinbare Sicherheit bekommt Risse. Ja, auch unser Leben hier im reichen und scheinbar so gut abgesicherten Deutschland hat Unsicherheiten, es ist nicht immer nur Friede, Freude, Eierkuchen. Das Virus kann alle treffen: Reiche und Arme, Fremde und Einheimische, Sportskanonen und Stubenhocker. Wir sind uns gleicher als viele es wahrhaben wollen, vor allem in der Begrenztheit unseres Lebens. Und damit sind wir bei dem zweiten Satz aus diesem kurzen Predigtabschnitt, der mich anspricht: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir. Unser Leben ist vorläufig. Was wir hier erleben ist nicht die Ewigkeit. Was wir hier schaffen, ist nicht von Dauer. Wir suchen nach Beständigkeit, nach Verlässlichkeit, doch die finden wir nicht. Wir finden und erschaffen nur Vorläufiges. Das hält bestenfalls unser Leben lang, aber nicht viel länger. Und ob alles, was wir uns in jungen Jahren erträumen und aufbauen möchten, wirklich zu unseren späteren Lebensjahren passt? Vielleicht wird ja alles ganz anders, macht uns das Leben einen Strich durch unsere Pläne. Denn auch für das Leben gilt: Ein Wunschzettel ist keine Bestellliste.

Da sind wir schon wieder bei diesen Bibelversen angelangt! Verlasst das Lager, geht hinaus aus der scheinbaren Sicherheit, geht hin zu Jesus Christus. Um hinaus zu gehen braucht man Mut. Und das nicht nur in diesen Zeiten, wo jeder unnötige Schritt vor die Haustür vermieden werden sollte. Man braucht ihn auch sonst, denn man verlässt damit die Sicherheit der gewohnten Umgebung, der festgelegten Abläufe, der Rituale und Regeln. Der Weg hinaus ist immer ein Weg ins Ungewisse. So ganz genau weiß man nicht, was kommt und was einen erwartet. Doch dieser Weg ist nicht nur etwas für furchtlose Abenteurer. Es ist der Weg, der uns Christenmenschen gegeben ist. Hinaus aus dem Trott, aus der scheinbaren Sicherheit, hin zu Christus und hin zu den Menschen seines Geistes.

Wir haben hier keine bleibende Heimat, sagt der Hebräerbrief und das hören wir nicht so gerne. Denn wir brauchen unsere Heimat, wir wollen ein Zuhause haben. Etwas worauf wir uns verlassen können, ein Ort, an dem wir uns wohlfühlen, wo alles gut ist. Das ist gut verständlich und diesen Ort haben wir auch. Doch es ist nicht der, den wir dafür halten. Keine stabilen Mauern, keine Absicherungen, keine gut gefüllten Konten oder ähnliches. Unsere Heimat ist bei Gott. Das Gottesvolk – also die versammelte Christenheit – ist unsere Nachbarschaft.

Das ist sicher eine für die meisten ungewohnte Sichtweise. Doch gerade wir Christinnen und Christen sollten sie kennen. Was wäre denn gewesen, wenn Petrus, Johannes und all die anderen Jünger dem Ruf des Mannes aus Nazareth nicht gefolgt wären? „Och nö, wir bleiben lieber zu Hause, da ist es so schön!“ Und was, wenn Paulus und die vielen anderen, meist unbekannten Missionare der frühen Christenheit, sich nicht aufgemacht hätten, um die Botschaft des auferstandenen Christus zu verkünden? „Was soll ich denn in der Fremde? Da kenn ich mich doch gar nicht aus!“ Es klingt vielleicht ungewohnt, doch christliches Leben und sesshaft werden passt nicht so ganz zusammen. So schön es auch ist, wenn man ein gemütliches Zuhause hat: Die Gefahr dabei ist, dass man bequem und engstirnig wird. Dann fehlt der Blick für das Ganze, dann fehlt der Mut zu Neuem. Dann wagt man keine neuen Schritte, hin zu den Menschen und in der Nachfolge Jesu. Vielleicht auch deshalb der Hinweis des Hebräerbriefs: Wir haben hier keinen Platz für immer, sondern unsere Zukunft ist an einem anderen Ort. Man könnte auch sagen: Bleibt beweglich, zumindest im Geiste, seid bereit, Neues auszuprobieren, habt Mut zum Risiko. Das ist auch gar nicht so schlimm, denn Gott bleibt an eurer Seite, wenn ihr euch aufmacht. Das klingt verheißungsvoll, auch wenn manch einer nur ungern die gewohnten Pfade verlässt.

Aber wie soll das in diesen Tagen und Wochen gehen, wenn wir doch gehalten sind, möglichst nicht hinauszugehen? Da bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als unsere Gedanken auf die Reise zu schicken. Wir dürfen lesen, ob auf Papier oder im Internet. Wir können über Radio und Fernsehen neue Eindrücke und Sichtweisen bekommen – es muss ja nicht nur das Unterhaltungsprogramm sein. Wir können telefonieren oder uns über den Gartenzaun oder den Vorgarten hinweg unterhalten. Wir können auch schreiben – Briefe, e-Mails oder anderes wie Tagebücher. Und schließlich ist da auch noch das Gebet, also das Gespräch mit Gott. Das ist immer möglich, dafür braucht man weder technische Hilfsmittel noch eine offene Tür nach draußen.

Völlig isoliert sind wir also nicht. Uns fehlt nur die Gemeinschaft von Angesicht zu Angesicht. Da müssen wir durch, so schwierig das manchmal auch ist. Aber ganz allein sind wir bestimmt nicht, selbst wenn uns ein Händedruck oder eine liebevolle Umarmung fehlt. In Gedanken oder – der Technik sei Dank! - aus der Ferne sind wir mit unseren Lieben verbunden und mit Gott können wir sowieso jederzeit sprechen.

Und sonst? Sonst freuen wir uns auf die Zukunft in doppelter Weise: Zum einen auf die Zukunft in unserer wahren Heimat, nämlich dem Reich Gottes. Dann sind wir nicht mehr heimatlos, sondern dort haben wir unser eigentliches Zuhause. Dort endlich haben wir etwas Bleibendes. Und zum anderen können wir dem Tag entgegensehen, an dem die ganzen Beschränkungen wegfallen, weil das Virus in seine Schranken gewiesen wurde. Noch wissen wir nicht, wie lange das dauern wird und wie viele bis dahin erkranken. Aber es wird kommen und dann können wir wieder hinausströmen und miteinander feiern. Bis dahin aber können wir Kontakt halten so gut es geht und vielleicht auch das erledigen, zu dem wir sonst nicht kommen. Und so schlecht ist es auch nicht, wenn inmitten der üblichen Hektik alles einmal zur Ruhe kommt. Auch so hat der weitgehende Stillstand seine guten Seiten. Amen

Schlagworte: predigt