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Von Hilmar Kranenberg im Bereich Allgemein.

Predigt für den Sonntag Quasimodogeniti (20.4.2020)

Liebe Gemeinde,

die vorgeschlagenen Textabschnitte für die Predigt stehen schon seit einigen Jahren fest. Und dennoch könnte man meinen, dieser Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja sei erst kurzfristig für unsere gegenwärtige Situation ausgewählt.

Doch hören Sie selbst: (Jes 40, 26-31): Hebt eure Augen auf in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er, der ihr Heer vollzählig herausführt und sie alle mit Namen ruft; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht einer von ihnen fehlt.

Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: „Mein Weg ist dem Herrn verborgen und mein Recht geht an meinem Gott vorüber?“ Weißt du es nicht oder hast du es nicht gehört? Ein ewiger Gott ist der Herr, der die Enden der Erde geschaffen hat. Er wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und genug Stärke dem Ohnmächtigen. Jünglinge werden müde und matt , Männer stolpern und fallen, aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft: Dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Gott wird nicht müde. Und darum gibt er den Müden und Schwachen Kraft. Die auf ihn vertrauen werden stark wie Adler, sie werden nicht müde.

Das müssen - Nein: das sollen - wir uns gerade jetzt sagen lassen! Gerade jetzt, wo nach fünf Wochen Coronasperre so allmählich unsere Kräfte nachlassen. Bei den deutlich über das normale Maß beanspruchten Kräften in Krankenhäusern und Pflegeheimen sowieso, aber auch bei allen anderen. Wie lange sollen wir denn noch verzichten, sind überwiegend an unser Zuhause gebunden, können Verwandte und Freunde nur am Telefon sprechen? So vieles fehlt uns: Die Feier zum runden Jubiläum, der nette Abend im Restaurant, das Fußball- oder Handballspiel, der Besuch von Kino oder Zoo, die Umarmung der Enkel und nicht zuletzt der Gottesdienst. Und das alles, so hörten wir es am Mittwoch, noch mindestens zwei weitere Wochen, manches sicher noch länger. Da soll man nicht irgendwann Lust und Kraft verlieren!

Aber aufgeben ist keine Option. Ja, man könnte sicherlich alle diese Beschränkungen innerhalb von einigen Tagen aufheben. Doch um welchen Preis? Die Zahl der Neuinfizierten würde rapide ansteigen, bald darauf auch die der schwer Erkrankten und der Toten. Wollen wir das? Wohl eher nicht. Also müssen wir weiter durchhalten, bis die Experten grünes Licht geben. Das fällt uns schwer und wird von Woche zu Woche schwerer. Woher also nehmen wir die Kraft, was kann uns aus der Ohnmacht und der Verzweiflung heraus helfen?

Und da sind wir an unserem Predigttext angekommen, auch wenn die Verheißung des Propheten schon gut zweieinhalbtausend Jahre alt ist. An Aktualität hat sie in den vielen Jahrhunderten jedoch nicht verloren. Als diese Worte gesprochen und niedergeschrieben wurden, hatte der Prophet keine weltweite Epidemie im Blick, das ist klar. Aber die Folgen, die Lage der Menschen ist vergleichbar. Dem Prophet ging es damals um sein Volk, um das Volk Gottes. Das war scheinbar am Ende: Nach ungeschickter Politik des Königs und seiner Ratgeber wurde das kleine Königreich Juda von der Weltmacht Babylon erobert. Die tonangebenden Leute, also die Mächtigen, die Reichen und die Gelehrten, wurden in deren Hauptstadt verschleppt. Und dort, gut 1000 Kilometer von der zerstörten Heimat entfernt, saßen sie nun und ließen die Köpfe hängen: „Hat Gott uns verlassen? Oder sind etwa die Götter der Bayblonier mächtiger? So, wie ja auch ihre Stadt weit prachtvoller und gigantischer ist als unser kleines Jerusalem.“ Und so klagen sie: „Mein Weg ist dem Herrn verborgen und mein Recht geht an Gott vorüber“ Bisher waren sie gewohnt, dass Gott sie aus dem schlimmsten Schlamassel immer wieder herausholt. Sie dachten immer wieder an die wundersame Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten, sie erzählten sich, wie ein kleiner Haufen Flüchtlinge und Nomaden mit Gottes Hilfe die mächtigen Städte Kanaans erobern konnte oder träumten von der Macht und Größe des sagenhaften Königs David. Zuerst besiegte er als kleiner Junge den furchterregenden Goliath, dann schuf er mit List, viel Gespür für die Schwächen der anderen und Gottes Wohlwollen ein großes Reich. Das alles war zwar schon viele hundert Jahre vorüber, doch die Geschichten wurden immer noch mit leuchtenden Augen weiter erzählt. Und so dachten sie, wenn Gott unserem Volk damals geholfen hat, wird er das auch in Zukunft machen. Uns kann nichts geschehen, denn Gott steht an unserer Seite, damals wie heute. Doch nun das: Die große Katastrophe, vor der manche Propheten wie Jeremia gewarnt hatten, war eingetreten. Das Land ist erobert, der König umgebracht, Stadt und Tempel zerstört und sie sitzen jetzt klagend in Babylon, sind zum Gespött der Sieger geworden und spüren ihre Ohnmacht.

Und da spricht der Prophet zu ihnen: „Hebt eure Augen auf,“ sagt er. „Seht, wer all das geschaffen hat. Seine Macht ist so groß, dass er immer den Überblick behält. Er hat alles im Blick. Und auch wenn Männer müde werden und ins Straucheln geraten – wer auf Gott vertraut, bekommt neue Kraft.“ Vielleicht wenden Sie jetzt ein, dass das doch nur eine Durchhalteparole sei, um die Verzweiflung zu mindern. Ja, sicherlich ist es die Aufforderung durchzuhalten. Doch diese Aufforderung zum Durchstehen des Leids hat Hand und Fuß. Sie ist nicht grundlos. Auch dieses Mal lässt Gott sein Volk nicht im Stich. Es muss nur eine Zeit warten, bis es wieder voran geht. Damals, nach der Flucht aus Ägypten, musste das Volk 40 Jahre durch die Wüste ziehen, bevor es das verheißene Land erobern durfte. 40 Jahre, weil schon wenige Wochen nach der Flucht der Zweifel an Gottes Beistand wuchs. Schließlich machte man sich sogar ein goldenes Standbild, um es anstelle Gottes anzubeten. Sie kennen die Geschichte bestimmt. Deshalb sollte niemand der damals Erwachsenen das gelobte Land betreten dürfen. Und auch jetzt hatten die Mächtigen nicht auf Gottes Warnungen gehört, hatten die Stimmen der Propheten ignoriert. Die Kritiker wurden verfolgt, denn sie wollten unbedingt Recht behalten. Wer die Macht innehat, mag meistens keine Kritik hören. Daran hat sich nichts geändert. Und so dauert auch diese Zeit in Babylon lange, sehr lange. Fast 50 Jahre währte die Zeit der babylonischen Gefangenschaft. Dann erst war die Rückkehr möglich. Zurück nach Jerusalem, das in Trümmern lag und wieder aufgebaut werden musste. Kein Wunder, dass man da Durchhalteparolen benötigt.

Nun hat das Wort Durchhalteparole einen negativen Klang. Man kann es auch Ermutigung nennen, andere hingegen würden es als billigen Trost bezeichnen. Wobei wir in diesem Fall wissen, dass es gut ausging, wenn auch erst für die folgende Generation. Und auch die musste ganz klein anfangen und aus den Ruinen wieder eine blühende Stadt erschaffen. Aber es bleibt die grundsätzliche Frage: Hätten sie es auch ohne solche Worte geschafft? Oder wären die Israeliten dann nicht untergegangen? Das geschrumpfte Volk Gottes – verschollen in der Großstadt Babylon. Möglich wäre dies gewesen, wenn es eben nicht solche ermutigenden Worte der Propheten gegeben hätte. Ja, die Aussichten waren alles andere als gut und man brauchte einen sehr langen Atem. Vor allem aber benötigte man sehr viel Gottvertrauen. Und darum geht es in den Worten des Propheten: Die auf Gott vertrauen, bekommen neue Kraft. Diejenigen, die nicht gleich resignieren, sondern aushalten, weil sie die Hoffnung nicht aufgeben. Es ist ein Appell, nicht den Kopf hängen zu lassen: „Hebt eure Augen auf in die Höhe!“ so beginnen diese Worte. Mit heutigen Worten ausgedrückt: Gebt nicht auf! Macht weiter! Gott hilft euch, aber zuerst mal müsst ihr durch diese schwere Zeit hindurch. Um das zu schaffen braucht und bekommt ihr Gottes Kraft. Und dann ist da noch ein kleines Wort, das leicht übersehen wird. Doch es ist in diesem Zusammenhang wichtig: Die auf den Herrn harren, heißt es in der Lutherübersetzung. Harren, also Warten ist dieses kleine, aber so wichtige Wort.

Auch wir brauchen Geduld. Gottes Hilfe kommt nicht sofort und auch nicht über Nacht. Haltet durch, habt Geduld, Gott gibt euch die Kraft die ihr braucht. Die Kraft zum Warten und die Kraft zum Weitermachen, zum wieder Anfangen, wenn die Einschränkungen endlich vorüber sind. Und ich bin mir sicher, dass es nicht zum Weitermachen wie vorher kommen wird. Nicht nur weil so viele Menschen weltweit an dem Virus erkrankt oder gar daran gestorben sind. Sondern auch weil etwas ganz wichtig wurde, was fast vergessen schien: Die Solidarität. Das Eintreten für die anderen, für die Schwächeren. Wir erleben in diesen Zeiten eine Wiederentdeckung der Gemeinschaft, der Solidarität. Das ist ein zutiefst christliches Verhalten, das aber auch in unserem angeblich so christlichen Abendland zusehends ins Hintertreffen geriet. Egoismus ist in der Konsum- und Spaßgesellschaft angesagt, aber keine Rücksichtnahme auf die Schwächeren. Doch was wäre, wenn wir rücksichtslos weiterleben würden, so als gäbe es gar keine Epidemie? Unsere Krankenhäuser wären überfüllt, auf den Friedhöfen wäre Hochbetrieb und irgendwann würde die Angst alles andere besiegen.

Doch auch dazu ist Jesus von den Toten auferweckt worden: Dass wir keine Angst mehr haben sollen. Denn der schlimmste Feind, der Tod, ist besiegt. Nicht so, dass niemand mehr sterben würde. Wir sind noch nicht in Gottes Ewigkeit angelangt. Aber so, dass der Tod nicht das endgültige Ende ist. Wir haben eine Zukunft auch nach dem Tod.

Und wir haben eine Zukunft nach Corona. Dafür müssen wir aber noch ein wenig ausharren, uns in Geduld üben. Das ist schwer, weil niemand weiß, wie lange denn noch. Zunächst hieß es bis zum kommenden Montag, jetzt sind es schon zwei Wochen mehr. Und was dann kommt, wissen wir noch nicht. Vielleicht ist die Ansteckungsgefahr bis dahin weitgehend gebannt, vielleicht überrascht uns eine zweite Infektionswelle und alles geht von vorne los. Niemand von uns weiß es. Was wir aber wissen ist, dass wir auch in all dem in Gottes Obhut geborgen sind. Und Gott gibt den Müden Kraft und gibt Stärke denen, die nicht mehr weiter können oder wissen. Dann können wir auffahren wie mit Adlersflügeln, laufen und wandeln ohne müde zu werden. Bis dahin aber harren wir in Geduld und bleiben trotz allem fröhlich. Denn Gott ist und bleibt an unserer Seite. Kein Grund also, den Kopf hängen zu lassen, so anstrengend und betrüblich diese Zeiten auch sind. Doch wir können uns sicher sein: Gott gibt uns Kraft zum Durchhalten. Auch diese Zeiten gehen vorüber, und es wird bestimmt nicht 50 Jahre dauern, wie damals in Babylon.

Schlagworte: predigt