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Von Hilmar Kranenberg im Bereich Allgemein.

Predigt zum 26..4.2020 (Miserikordias Domini)

Liebe Gemeinde,

der heutige Sonntag heißt offiziell Miserikordias Domini. In den deutschsprachigen Ländern nennt man ihn meistens den Sonntag vom guten Hirten. Davon hörten wir ja schon im 23. Psalm und der Evangeliumslesung. Bei für heute vorgesehenen Predigttext aus dem 1. Petrusbrief taucht der Hirte nur ganz am Schluss auf:

(1. Petr. 2, 21-25) Christus litt für euch und hat euch ein Vorbild hinterlassen, dass ihr seinen Fußspuren nachfolgen sollt. Er tat keine Sünde, kein Betrug fand sich in seinem Mund. Wenn er beschimpft wurde, erwiderte er die Beschimpfung nicht, wenn er litt, drohte er nicht sondern übergab es dem gerecht Richtenden. Er trug unsere Sünden selbst durch seinen Leib am Holz damit wir, wenn wir für die Sünde gestorben sind, für die Gerechtigkeit leben. Durch seine Wunden seit ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe, nun aber seid ihr umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

Das klingt so ähnlich wie ein Psalm. Es könnte demnach ein Lied oder ein Gedicht sein. Ob der Autor des Briefs dieses Lied selbst gedichtet hat oder ob er ein ihm bekanntes Lied zitiert, wissen wir jedoch nicht. Nehmen wir es also als eines der ältesten uns bekannten Kirchenlieder.

Das Leid Christi soll uns Vorbild sein, so heißt es hier. In den Sätzen vorher kommt der Brief auf die Sklaven zu sprechen, die auch häufig leiden. Doch ich denke, diese Verse richten sich nicht nur an die Sklaven, denn Leid begegnet allen Menschen, damals wie heute. In diesen Corona-Zeiten leiden wir besonders, so habe ich den Eindruck. Allerdings ist es ein unterschiedliches Leiden: Die einen leiden darunter, dass sie vieles nicht machen dürfen, was ihnen Spaß macht. Andere leiden mehr darunter, dass sie ihre Familie oder ihre Freunde nicht sehen dürfen. Manche leiden vor allem unter den drastischen Einschränkungen der Wirtschaft: Behalten sie ihre Stelle, können sie sich Miete und Nahrung noch leisten, überlebt ihr Geschäft? Andere leiden auch darunter, dass die Familie seit Wochen auf engem Raum aufeinanderhockt. Da kommt es schon mal zum sprichwörtlichen Lagerkoller, man beginnt sich auf die Nerven zu gehen. Und alle miteinander haben Angst vor der Krankheit. Die einen fürchten um ihre Gesundheit, die anderen um die Gesundheit von Eltern oder Großeltern, Onkel oder Freundin. Man fragt sich, wie lange das noch so weitergehen soll und was wohl danach kommen wird. Wirklich fröhlich sind nur wenige, trotz des schönen Wetters. Aber auch das macht uns Sorgen, denn es hat schon seit fast zwei Monaten nicht mehr geregnet, was für März und April sehr ungewöhnlich ist. Und wir merken: Der Klimawandel geht bei Corona nicht in Quarantäne, sondern ist immer noch da. Er ist derzeit nur kein großes Thema in den Medien.

Der leidende Christus also als Vorbild in unserem Leiden, sei es nun das Coronavirus oder ein anderes Leiden. Denn die gibt es ja auch noch, das dürfen und sollen wir nicht übersehen. Die Sorgen, Nöte und Ängste, die uns vor vier oder fünf Monaten bedrückten, sind doch nicht verschwunden, nur weil etwas Neues dazugekommen ist. Seien es Krankheiten, Angst um die berufliche Zukunft, Sorgen um die Kinder, zerbrochene Beziehungen oder was auch immer unser Herz schwer macht. Darüber spricht nur keiner mehr, so wie uns ein Frühjahr ohne Regen dieses Jahr viel weniger erschreckt als im vergangenen Jahr. Nicht weil es weniger dramatisch sind, sondern weil uns anderes noch dramatischer erscheint.

Doch Christus als Vorbild im Leid. Klingt das nicht etwas platt? Ich glaube nicht, dass dies eine billige Ausrede ist. Vielmehr soll es uns zeigen, dass Christus, dass Gott uns versteht, auf unserer Seite steht. Christus kennt das Leid, er steht nicht darüber. Er selbst hat auch auf das Schlimmste gelitten, wurde verlacht, beschimpft, gefoltert und ermordet und hat durchgehalten.

Und wen sollten wir auch beschimpfen, wen verantwortlich machen? Wir sind doch nicht Donald Trump, der alle paar Tage einen neuen Schuldigen verkündet, anstatt seine Ohnmacht zu bekennen. Ja, das Virus ist sicher ein Feind der Menschheit, aber der ganzen Menschheit und nicht nur einzelner Staaten oder Völker. Und es ist ein Feind, der nicht mit Befehlen und auch nicht mit Waffen bekämpft werden kann. Es ist noch nicht einmal bestechlich. Darauf sind wir nicht vorbereitet. Unsere üblichen Lösungsversuche passen nicht und wir können auch niemanden zur Rechenschaft ziehen. Wir alle sind in diesem Leid vereint. Wir können nicht viel mehr machen als das, was wir schon tun – auch wenn es uns schwer fällt. Die einen sehnen ihr normales Leben zurück, die anderen ärgern sich, dass sie sich nicht so richtig dagegen wehren können, dass weder Stärke noch Geld hilft. Nur die Vermeidung von Kontakten hilft ein wenig und natürlich die Sorge um die Erkrankten. Alle zusammen leiden in unserer Angst und unserer Ohnmacht. Warum also sollten wir uns in unserem Leid nicht an Christus orientieren?

Da geht es nicht nur um Orientierung, es geht auch um Bewahrung. Für das Virus macht es keinen Unterschied, ob man gläubig ist oder nicht. Der Glaube und das Gebet bewahrt nicht vor Krankheit, wie manche fundamentalistischen Prediger – Christen und Muslime - ihren Gläubigen weismachen wollten. Aber es macht für uns einen Unterschied, wie wir diese leidvollen Wochen ertragen. Fühlen wir uns in unserer Hilflosigkeit und Einsamkeit von Gott und der Welt verlassen oder fühlen wir uns auch in solch schwierigen Zeiten von Gott bewahrt und umgeben? Sehen wir auch nach unseren Nächsten oder sind wir uns selbst der oder die Nächste? Wohin richten wir unsere Gedanken, was ist mit unseren Gebeten?

Der Petrusbrief schließt dieses Lied mit dem alten, aber immer noch sehr schönen Bild vom Hirten. Ein Bild, um das dieser ganze zweite Sonntag nach Ostern kreist: „Ihr wart wie irrende Schafe, nun aber seid ihr umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“ Der Begriff „Bischof der Seelen“ klingt für uns seltsam. Denn unter einem Bischof stellen wir uns nicht gerade jemanden vor, der sich intensiv um unser Seelenheil kümmert. Doch dieser Bischof ist kein Kirchenfürst, er steht über der Welt. Christus selbst als der Herr der Kirche ist hier gemeint: Ihr seid umgekehrt zu Christus. Ihr wart wie umherirrende Schafe, aber jetzt habt ihr einen Hirten, der sich um euch kümmert und den Weg weist. Einen guten Hirten, den besten den es gibt. Ein Hirte der Seelen. Und mehr noch als ein Hirte ist er zugleich Bischof der Seelen. Also jemand, der nicht nur aufpasst und sich kümmert, sondern auch noch verkündet, Trost und Hoffnung bringt.

Wie gesagt: Das Bild von Christus als dem Bischof der Seelen ist reichlich ungewöhnlich. Wir wissen auch nicht, woher der Schreiber dieser Zeilen das Bild hat. Vielleicht hat er sich überlegt, was für ihn einen idealen Bischof ausmacht, vielleicht war es in einer der damaligen Gemeinden ein geflügeltes Wort. Für uns jedenfalls ist es zwar ungewohnt, aber doch nicht so fremd, dass wir damit nichts anfangen könnten. Auf Lateinisch heißt Hirte Pastor. Christus als der Pastor der leidenden Gemeinde, der sich nicht nur um den richtigen Weg, sondern auch um die Seelen kümmert – damit können wir schon etwas anfangen. Nur das Wort Bischof irritiert etwas. Aber wenn man sich klar macht, dass zur damaligen Zeit ein Bischof in etwa das war, was heute ein normaler Gemeindepfarrer ist, rückt es dieses hohe Wort wieder zurecht.

Fassen wir also nochmals diese Verse zusammen: Jesus Christus geht uns voran, begleitet uns auch in Zeiten des Leids. Und nicht nur das: Er weiß, was Leid bedeutet, denn er hat es am eigenen Leib aufs Schrecklichste erfahren. Doch wie er mit diesem Leid umging, das kann uns auch heute ein Vorbild sein. Weder hat er versucht, sich daran vorbei zu mogeln, was sowieso nicht möglich wäre, noch hat er nach vermeintlich Schuldigen gesucht. Und was wir nicht vergessen sollten, auch wenn es mit Corona nichts zu tun hat: Die Last unserer Sünden nahm er mit sich ans Kreuz. Wir sind befreit, auch im Leid. Und wir stehen unter der Obhut des guten Hirten, der uns und unsere Seelen begleitet und bewahrt. Und das alles in guten und gerade auch in schweren Zeiten. Dafür können wir dankbar sein und getrost in die Zukunft blicken. Denn es wird ein Leben nach Corona geben, da bin ich mir sicher. Ich weiß nur nicht, wann es so weit sein wird. Bis dahin aber können wir all das, was uns das Herz schwer macht unserem guten Hirten und Bischof unserer Seelen anvertrauen. Er kennt das Leid und er weist uns den Weg. Besser könnten wir es in dieser schweren Zeit gar nicht haben.

Schlagworte: predigt