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Von Hilmar Kranenberg im Bereich Kirche.

Liebe Gemeinde,

am vorletzten Sonntag der Passionszeit hören wir in diesem Jahr einen Abschnitt aus
dem Buch Hiob. Predigtabschnitte aus Hiob sind eher selten, deshalb zunächst ein paar Worte zu diesem eher ungewöhnlichen Buch. Man hat den Eindruck, es passt nicht so richtig in die Schriftensammlung des Alten Testaments. Weder berichtet es von der Geschichte des Volkes Israel, noch gibt es die Worte eines Propheten wieder. Und Lieder, so wie die Psalmen, sind es auch nicht.

Es stimmt: Das Buch Hiob erzählt kein historisches Ereignis, sondern ist so eine Art Theaterstück, ähnlich wie ein klassisches Drama. „Und warum steht das in der Bibel?“ fragen Sie sich vielleicht. Weil es beispielhaft um den Umgang des Menschen mit Leid geht und um das Vertrauen auf Gott. Also um Grundfragen des Glaubens. Warum lässt Gott Leiden zu und wo ist Gott, wenn wir Menschen leiden? So gesehen gehört das Buch Hiob zu den großen Werken der Weltliteratur und hat deshalb in der Bibel seinen passenden Ort.

Die Rahmenhandlung des Buchs ist schnell erzählt: Hiob war ein Mensch, dem alles gelang. Er hatte viele Güter, eine große Familie und war allseits angesehen und beliebt. Auch war er fromm, vertraute stets auf Gottes Beistand. Doch Gott und der Teufel schlossen eine Wette ab: „Wetten, dass auch der Frömmste, so wie dein Musterknabe Hiob, im großen Unglück an dir zweifelt und dich sogar verflucht?“ sagte der Teufel. „Niemals,“ entgegnete ihm Gott und hielt somit dagegen. „Du darfst alles mit ihm machen,“ sagte Gott, „nur umbringen darfst du ihn nicht. Und ich sage dir: Er wird mir bestimmt treu bleiben!“ Und so nahm das Unheil für Hiob seinen Lauf. Unwetter und Kriege vernichteten seinen gesamten Besitz und alle seine Kinder starben. Schließlich wurde er selbst von einer schrecklichen Hautkrankheit befallen. Das alles wird in zwei kurzen Kapiteln erzählt, denn es ist ja nur der Rahmen.

Und dann beginnt der Hauptteil dieses Buchs. Drei Freunde – später kommt noch ein Vierter hinzu – besuchen Hiob um ihn in seinem Unglück zu trösten. Sie setzen sich zu ihm und schweigen eine Woche lang. Dann beginnt ein langes Gespräch zwischen Hiob und seinen Freunden. Im Hebräischen ist es als Folge von Gedichten verfasst, so wie wir das von alten Theaterstücken kennen. Es geht darin um das Leiden des Gerechten. Wie kann es sein, dass ein so guter Mensch so leidet? Das ist eine Frage, die wir immer wieder so oder ähnlich stellen. Wie kann es sein, dass gute Menschen, liebevolle Väter, herzensgute Mütter, unschuldige Kinder leiden müssen oder sogar früh sterben, während mancher Fiesling in Saus und Braus lebt?

Die Freunde haben nur billigen Trost. Doch immerhin sind sie da, das ist ja schon mal etwas. Sie lassen Hiob nicht allein in seinem Schmerz und seiner Trauer. Das kann man ihnen nicht hoch genug anrechnen. Doch es fehlen ihnen die richtigen Worte und Antworten auf Hiobs Schicksal. Sie wollen es erklären, fassbar machen. Und so suchen sie den Grund für das Schreckliche bei Hiob. Sie drängen darauf, dass Hiob irgendwie doch Schuld an seinem Unglück sein muss. „Einfach so, ganz ohne Grund wird doch niemand so gestraft,“ sagen sie. „Doch, genau das geschieht mir,“ sagt Hiob. Er sieht sich als unschuldiges Opfer, klagt Gott an und bittet ihn gleichzeitig um Gnade und Erlösung vom Unglück.

Nach so viel Vorrede und Erklärung hören Sie nun einen Ausschnitt aus den Reden Hiobs, nachzulesen im 19. Kapitel:

Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt. Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon. Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, ihr meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch? Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, mit einem eisernen Griffel und mit Blei für immer in einen Felsen gehauen! Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. Nachdem meine Haut noch so zerschlagen ist, werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen. Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust. (Hi 19, 19-27)

Hiob klagt. Er klagt Gott an, beklagt sich über sein schlimmes Schicksal. Nichts als das nackte Leben ist ihm geblieben und selbst da ist er nur noch ein Schatten seiner selbst. Es ist nichts mehr geblieben von dem Mensch, der er einst war. Der Autor dieses Buchs schildert Erfahrungen, die schon viele Menschen gemacht haben. Gerade ging es ihnen noch gut, sie hatten Freude am Leben und dann das. Bei dem einen ist es vielleicht eine schwere Krankheit, bei der anderen der plötzliche Tod eines geliebten Menschen, bei wieder einem anderen das abrupte Ende einer langjährigen Partnerschaft oder die Arbeitslosigkeit. Es gibt vieles, was uns aus der Bahn werfen kann und oft genug passiert es, ohne dass wir etwas dafür können. Daran hat sich seit Hiob nichts geändert und deshalb sind diese alten Gedichte immer noch aktuell, betreffen auch uns. Wie gehen wir mit Leiden um?

Hiobs Schicksal und diese Reden sind da ein Beispiel seit Jahrtausenden. In unserem Abschnitt beklagt er sein Schicksal. Und er macht Gott dafür verantwortlich, weil er es nicht anders erklären kann. Wie denn auch? Wenn uns ein Unglück trifft, gibt es meist keine einsehbare Erklärung. Es kommt über uns und wir müssen mit den schrecklichen Folgen leben. Doch wie Hiob suchen wir nach einer Erklärung, nach einem Schuldigen. Irgendwer muss doch die Verantwortung haben, so heißt es dann. Es geht uns besser, wenn wir einen einsehbaren Grund gefunden haben, so denken wir. Doch ob das immer so ist? Und was ist in den vielen Fällen, wo es keinen erkennbaren Grund gibt, wo es sich um eine Aneinanderreihung von Zufällen handelt? Da war man vielleicht zur falschen Zeit am falschen Ort. - Woher sollte denn der Kollege wissen, dass er sich vor drei Tagen mit dem Virus angesteckt hat? Symptome hat er noch keine. - Oder es müssen weltweite Überkapazitäten abgebaut werden und das trifft diesen Betrieb, obwohl sich hier doch alle so angestrengt haben. Trägt der Einzelne eine Schuld, wenn in der fernen Konzernzentrale so entschieden wird? Die Ursache für ein Unglück ist nicht immer leicht zu finden, manchmal ist es wirklich Zufall. Und dennoch müssen wir damit leben.

Und was oft übersehen wird: Zufälle können genauso glücklich enden: „Wegen einer Verspätung habe ich noch den früheren Zug bekommen. Der, mit dem ich sonst immer fahre, hatte einen schlimmen Unfall. Was für ein Glück!“ - „Hm,“ sagt die Ärztin, als sie die Lunge abhört, „dieses Muttermal sieht ungewöhnlich aus. Gehen sie doch mal möglichst bald zum Hautarzt.“ - „Wenn es nicht diesen Wolkenbruch gegeben hätte, bei dem ich mich im Hauseingang untergestellt habe, hätte ich meinen Mann nie kennengelernt.“ Wer ist denn verantwortlich, wenn die Zufälle gut für uns ausgehen? Muss das nicht auch eine Ursache haben – oder ist es dann einfach nur ein glücklicher Zufall?

Für Hiob ist die Sache klar: Gott ist für sein Los verantwortlich, auch wenn Hiob nicht weiß warum. Denn er war doch immer gut und fromm. Nichts hat er sich zuschulden kommen lassen. Und so sitzt er nun da, völlig verarmt, niedergedrückt von der Trauer, in Lumpen gekleidet, von Geschwüren entstellt und klagt: „Erbarmt euch über mich, meine Freunde, denn Gottes Hand hat mich getroffen!“ Er ruft: „Meine Klagen sollen aufgeschrieben werden, die ganze Welt soll es erfahren. Auch noch in Jahrhunderten und Jahrtausenden soll man nachlesen können, was mir geschah. Alle sollen von meinem Unglück, meinem unschuldigen Leiden wissen!“ Nicht die hilflosen Worte der Freunde sollen überdauern, sondern die Klagen Hiobs. Auch Gott soll sie immer vor Augen haben, damit er weiß, was er da angerichtet hat.

Doch trotz aller Anklagen setzt Hiob seine Hoffnung auf Gott. Gott ist alles zusammen: Schuldiger, Richter und Retter aus der Not. Das klingt widersprüchlich, aber wer sonst sollte Hiob retten können? Hiob macht da keine Umwege, er appelliert gleich an die höchste, die letzte Instanz. Auch wenn Gott an seinem Schicksal schuld sein sollte, so bleibt Gott dennoch das Ziel von Hiobs Hoffnungen. Es wird gut ausgehen, hofft Hiob. „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt und er wird sich auch über dem Staub erheben, wenn alles andere zusammengebrochen ist. Auch wenn alles zerfallen und gestorben ist, werden wir ihn sehen dürfen.“

Das ist, nach all den Klagen und Anklagen, die Pointe dieses Abschnitts. Gott hat es genommen, aber Gott wird es auch wieder geben: Das Leben, das Glück, das Heil. Darauf vertraut Hiob auch inmitten des schlimmsten Unglücks. Er sieht nach vorne, hofft auf ein gutes Ende.

Nun fragen Sie sich vielleicht, was denn dieser poetische Text mitten in der Passionszeit soll. Es geht hier doch um Hiob, eine literarische Figur, und nicht um Jesus, dessen Leiden und Tod das eigentliche Thema der Passionszeit ist. Doch ist Hiob nicht das Musterbeispiel des unschuldig leidenden Menschen? Passen seine Klagen nicht auch zu Jesus? „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ rief Jesus von Kreuz. Und die Worte Hiobs hätten da auch gepasst: „Alle meine Freunde verabscheuen mich und die ich liebte, haben sich gegen mich gewandt!“ Mir fällt da die dreifache Verleugnung durch Petrus ein. Viele der Worte Hiobs und der Worte Jesu aus seinen letzten Stunden wären austauschbar. Aber genauso könnten auch die letzten Zeilen unseres Predigttextes von Jesus stammen: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, er wird sich als der Letzte über dem Staub erheben. Ich werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen. Danach sehnt sich mein Herz.“

Im Leid können wir unsere Klagen vor Gott bringen, so wie es Hiob macht. Dabei sollten wir aber nicht vergessen, worauf wir hoffen. Nämlich auf Gott, der unsere Klagen hört und uns auch im Leid begleitet. Gott ist der Erlöser, selbst in den schlimmsten Momenten. Er ist der Retter. Gott ist das Ziel am Ende des Lebens. Das sagt Hiob, das sagt Jesus und das glauben wir. Und so können auch wir das Leid überstehen und wie Jesus überwinden. Ob Hiob, ob Jesus oder wir: Am Ende geht das Leben gut aus, denn es führt zu Gottes Ewigkeit. Das ist unsere Hoffnung auch inmitten des Leids und darauf können wir vertrauen.

Amen

Schlagworte: predigt

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  • Zuletzt geändert: 28.11.2020 13:24
  • von Manuel Krischer