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Von Hilmar Kranenberg im Bereich Kirche.

Liebe Gemeinde,

am Sonntag Kantate ist normalerweise der Lobgesang zu Ehren Gottes das Thema. Der
kommt in unserem heutigen Predigttext zwar auch vor, doch bietet er nur den Anlass für das eigentliche Thema. Doch hören sie selbst. Ich lese aus dem 19. Kapitel des Lukasevangeliums:

Und als Jesus schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten, und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe! Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht! Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien. (Lk 19, 37-40)

Weshalb die Jünger mit ihren Lobgesängen aufhören sollen, wird nicht gesagt. Vielleicht fürchten die Pharisäer, dass sich die römische Besatzungsmacht provoziert fühlt, wenn man Jesus laut als König preist, der in Jerusalem einzieht. Oder sie sind der Meinung, dass so ein Lob dem Wanderprediger aus Nazareth nicht zusteht. Wir wissen es nicht, doch ist das auch zweitrangig. Diese Erzählung gipfelt im letzten Satz, dem Wort Jesu: „Wenn sie schweigen werden, so werden die Steine schreien.“

Kennen Sie rufende, schreiende Steine? Oder Steine, die Gott loben? „Natürlich nicht,“ denken sie jetzt vielleicht ganz spontan. „Steine sind stumm, sie machen keine Geräusche und erst recht können sie nicht sprechen.“ Das stimmt, wenn ich mein Ohr an einen Stein lege. Dann höre ich nichts. Aber es stimmt nicht, wenn ich manche Steine ansehe. Dann haben sie eine Menge zu erzählen.

Die Trümmer eines Hauses zum Beispiel. Sie erzählen vielleicht davon, was hier einst für ein prächtiges Gebäude stand, welche Menschen dort ein und aus gingen. Oder sie sprechen von der schlimmen Zeit, als das Haus in Trümmer fiel oder als es von seinen letzten Bewohnern verlassen wurde und seitdem vor sich hin bröckelt.

Vielleicht kennen Sie auch die Stolpersteine, welche der Kölner Künstler Gunter Demnig seit mehreren Jahrzehnten überall in Europa verlegt. Das sind kleine Messingtafeln im Straßenpflaster, auf denen ein Name und die dazugehörigen Lebensdaten zu lesen sind. Sie weisen darauf hin, dass in dem Haus vor dem sie liegen jemand wohnte, der oder die in der Zeit des Nationalsozialismus unschuldig umgebracht wurde. Das waren Menschen jüdischen Glaubens, aber auch Roma, Homosexuelle oder Gegner des Regimes. Genauso auch Menschen, welche Verfolgte versteckten oder die laut ihre Zweifel am Sieg der deutschen Armee äußerten. Obwohl das in den letzten beiden Kriegsjahren jeder nicht völlig verblendete Offizier hätte bestätigen können. Man durfte es nur nicht sagen. Auch diese Steine verkünden schreiendes Unrecht.

Genauso die Tafeln der Kriegerdenkmäler, die sich in vielen Dörfern und Städten finden. Sie erzählen auch Geschichten: „Wie jung die waren!“ „Ist das nicht der Vater von …?“ „Der ist im gleichen Jahr wie mein Vater geboren. Aber mein Vater durfte 87 werden und er nur 22.“

Oder denken Sie an Grabsteine auf den Friedhöfen. Auch sie haben Stimmen, auch sie schreien, rufen, weinen, jammern, klagen und sie loben Gott. Unter jedem Grabstein liegt eine kleine Weltgeschichte, so las ich mal. Da ist was dran, auch wenn man auf den Steinen meist nicht mehr lesen kann als einen Namen mit Geburts- und Todesdatum. Doch dahinter verbirgt sich ein Mensch mit seiner oder ihrer Lebensgeschichte. Vielleicht war es eine schöne Geschichte, ein Leben voller Lachen, Liebe und Tatkraft. Oder es war eine schlimme Geschichte mit viel Leid und einem qualvollen und womöglich zu frühen Tod. Wie viele Tränen werden wohl an diesem Grab geflossen sein? Wie viele Menschen haben hier getrauert oder mit den Angehörigen gefühlt? Was mag alles mit dem Namen auf diesem Stein verbunden sein an Lachen und Weinen, an Geschichten und Anekdoten, an Freud und Leid, guten und schweren Zeiten! Oder waren alle froh, als der Sarg oder die Urne von der Erde bedeckt war und der Stein darauf lastete? Auch solche Menschen soll es ja geben, die keiner leiden kann, die allen auf die Nerven gehen, die ihre Mitmenschen, ihre Familie quälen oder ängstigen.

Genauso die Menschen, die keiner mehr vermisst. Schlimm, wenn der Pfarrer mit dem Bestatter die einzigen am Grab sind. Schlimm, wenn ich als Pfarrer über den Toten nicht mehr sagen kann als seinen Namen und seine Lebensdaten, weil da keine Angehörigen sind, die ihn kennen und etwas über ihn erzählen. Alles andere muss ich dann Gott anbefehlen, der auch solche Menschen gut kennt.

Doch ein Grabstein ist nicht nur ein Schmerzensschrei oder ein Hilferuf. Er ist auch ein Lobgesang zu Ehren Gottes. Denn Gott ist zwar der Herr über Leben und Tod, doch er hat den Tod in seine Schranken gewiesen. Das feiern wir zu Ostern. Der Tod hat eben nicht das letzte Wort über uns, sondern er ist das Tor zu einem neuen, ewigen Leben in Gottes Obhut. Es fällt uns manchmal schwer, am Grab eines geliebten Menschen Loblieder zu Ehren Gottes zu singen und das ist gut verständlich. Dann bleibt uns der Ton buchstäblich im Hals stecken. Doch wenn wir unsere Toten Gottes Liebe und Gnade anvertrauen, haben wir allen Grund zum Lob Gottes. Denn nur weil Gott uns liebt, dürfen wir und unsere Lieben weiterleben, über den Tod hinaus.

Auf manchen Gräbern kann man diese Loblieder erahnen. Durch Kränze beispielsweise. Denn der Kranz ist ein Siegeszeichen. So wie es heute Medaillen oder Pokale für die Sieger von Wettkämpfen gibt, gab es in der Antike Kränze. Und der Kranz am Grab kündet vom Sieg des Lebens über den Tod. Diese eigentliche Bedeutung des Kranzes bei der Beisetzung ist nur vielen nicht mehr bewusst.

Auch das Kreuz ist für uns Christinnen und Christen vom Hinrichtungswerkzeug zum Zeichen des Heils geworden. Denn wir denken beim Kreuzestod Jesu die Auferstehung gleich mit. Karfreitag und Ostern gehören untrennbar zusammen, das eine ohne das andere geht nicht. Deshalb hat das Kreuz auch auf unseren Friedhöfen einen passenden Ort. Nicht weil unsere Toten am Kreuz starben, sondern weil der Tod Jesu am Kreuz für den Beginn eines neuen, ewigen Lebens für uns alle steht.

Doch es gibt noch mehr Steine, welche Gott loben. Jede Kirche und Kapelle gehört dazu. Denn die wurden erbaut zum Lobe Gottes. Und gerade in früheren Zeiten hat man dabei keine Kosten und Mühen gescheut. Da konnte die Kirche ruhig das teuerste Bauwerk im ganzen Dorf sein oder mehr Plätze haben als die Stadt Einwohner hatte. Es geschah zum Lob Gottes, deshalb hat man jede Kalkulation über Kosten und Nutzen hintenan gestellt. Das wäre heute, wo auch in den Kirchenleitungen die Betriebswirte das Sagen haben und wo die Spenden aus der Gemeinde im Vergleich zu vergangenen Jahrhunderten deutlich zurückgegangen sind, wohl undenkbar. Aber dennoch dürfen wir heute uns über diese Bauten zur Ehre Gottes aus früheren Zeiten freuen und auch wir kommen darin zusammen, um Gott zu loben und zu danken.

Aber es gibt auch die, welche das Lob Gottes am liebsten untersagen möchten. Das sind nicht die frommen Pharisäer aus der Zeit Jesu. Sondern die, welche den Glauben verloren oder niemals erlernt haben. Dann wird über die angeblichen Privilegien der Kirche gehetzt, wobei in solchen Worten oder Zeilen häufig ein erschreckendes Nichtwissen zum Vorschein kommt. Oder man regt sich über das Glockengeläut auf, weil es das eigene Ruheempfinden stört. Dabei ist zum Beispiel unser Stundenschlag hier in Drabenderhöhe zwischen 22.00 Uhr am Abend und 7.00 Uhr am Morgen abgeschaltet. Und dennoch erreichen uns immer wieder Beschwerden über den angeblichen Lärm. Dass das Läuten der Glocken ein Ruf zum Gebet ist und somit auch zum Lob Gottes geschieht, ist in Vergessenheit geraten. Aber vielleicht ist auch das Gebet als solches in Vergessenheit geraten. Obwohl wir alle Grund genug für das Gebet haben. Es gibt so viele Anlässe Gott zu loben und zu danken. Wer meint, all das Gute, was uns im Leben widerfährt, sei allein den eigenen Fähigkeiten oder dem Zufall zuzuschreiben, der oder die irrt gewaltig.

Mit dem Glockengeläut schließt sich der Kreis zum Lobgesang der ersten Verse unseres Predigttextes. Wie gesagt: Auch das Läuten der Glocken geschieht zum Lob Gottes. Mit Worten und Klängen, mit unseren jubelnden Gesängen können wir Gott besonders gut loben. Es mag ja sein, dass manche den Klang der Glocken als Lärm empfinden. Auch verschiedene Arten von Musik werden von einigen als Wohlklang, von anderen als Lärm angesehen. Das hat etwas mit Gewöhnung zu tun, aber noch viel mehr mit den unterschiedlichen Geschmäckern.

Und heute, am Sonntag Kantate, geht es ganz besonders um das Singen und Musizieren für Gott. Das aber kann ganz unterschiedlich sein: Vom Geläut der Glocken über den Gesang der Gemeinde, die Klänge der Orgel, die Musik einer Band bis hin zum Schrei der Steine. Wir müssen Gott nicht nur unser Lob singen, auch wenn das meistens die schönsten Lieder sind. Wir können auch unsre Klagen, unser Leid in Musik verpacken. Schon die Psalmen haben dies getan. Oft ist in ihnen vom Leiden die Rede, wird die Not vor Gott beklagt. Und auch wir können unsere Schmerzen, unsere Not oder unsere Wut über die Ungerechtigkeit der Welt hinausschreien. Auch dies kann eine Form der Musik für Gott sein. Und das geht hin bis hin zum Schrei der Steine – die eben nicht alle stumm sind, sondern uns oft etwas zu sagen haben.

Hören wir zu, singen wir mit - wenn wir es nach Corona wieder dürfen – und bringen unsere Anliegen vor Gott. Ob Dank, ob Lob oder Klage – alles geht auch mit Musik. Vielleicht geht es damit sogar besser. Und selbst wenn wir derzeit nicht gemeinsam singen dürfen: Alleine geht es auch jetzt. Ob im Zimmer, unter der Dusche, im Auto oder draußen im Wald oder auf der Wiese: Singen tut gut, uns und Gott. Hören wir also auch in diesen Zeiten nicht auf, unsere Anliegen vor Gott zu bringen. Und vergessen wir nicht, auf die Rufe der Steine zu hören. Die haben nicht aufgehört. Amen.

Schlagworte: predigt

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  • Zuletzt geändert: 28.11.2020 13:24
  • von Manuel Krischer