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Von Hilmar Kranenberg im Bereich Kirche.

Liebe Gemeinde,

die meisten von Ihnen kennen sicherlich die Erzählung vom Turmbau in Babel. Aber damit Sie sich besser erinnern können, lese ich sie nochmals vor. Sie findet sich im 1. Buch Mose, im 11. Kapitel. TEXT

Die Menschen bauen einen Turm, der bis in den Himmel reichen soll. Nicht weil sie aus Neugier gucken wollen, wie es da oben aussieht, sondern aus reinem Übermut. Sie wollen sich „einen Namen machen“. Das gab es in der Geschichte der Menschheit öfter: Nutzlose Bauwerke, die nur dazu dienen andere zu beeindrucken. Waren Sie schon einmal in Regensburg? Im Mittelalter war das eine Stadt der Kaufleute. Die reichen Kaufleute bauten an ihre Wohn- und Geschäftshäuser Türme. Die waren bestimmt nicht billig, aber ohne wirklichen Nutzen: Die oberen Stockwerke standen leer, oft gab es noch nicht einmal eine Treppe hinauf, sondern nur wackelige Leitern. Gebaut wurden sie, um den eigenen Reichtum so präsentieren. Je höher der Turm, desto reicher und angesehener war die Familie, was damit jeder erkennen sollte. Oder nehmen sie manche Paläste, wo es weit mehr Zimmer gibt als jemals benötigt wurden. Eines der neuesten Beispiele dafür ist wohl der Präsidentenpalast in Ankara in der Türkei. Den Fotos nach ist das ein ziemlicher Protzbau und wahrscheinlich viel größer als benötigt. Der Turmbau von Babel ist so gesehen kein einmaliges Ereignis, sondern wiederholt sich in der Geschichte der Menschheit immer wieder.

Das wirklich Besondere in der biblischen Geschichte ist also nicht, dass die Menschen einen Turm bauen wollen, um ihren Größenwahn zu pflegen. Es ist die Reaktion Gottes. Er beendet die Einigkeit der Menschen, indem er ihnen unterschiedliche Sprachen gibt. Und so beginnt die Zeit der Unverständnisse und Mißverständnisse, des Aneinander-Vorbei-Redens und der Streitigkeiten zwischen Sippen, Stämmen, Völkern und Ländern. Eine Zeit, die wir immer noch nicht überwunden haben. Wie viele Konflikte haben eine ihrer Ursachen in verschiedenen Völkern, Sprachen, Kulturen und Religionen? Man versteht sich nicht, hat unterschiedliche Ansichten, fühlt sich vielleicht von den anderen benachteiligt oder unterdrückt und schon kommt es zum Streit. Dass man derart zerstritten das gemeinsame Großprojekt des Turms nicht zu Ende bekommt, versteht sich von selbst. Und auch daran hat sich bis heute nur wenig geändert. Es gibt so einige Großprojekte, welche die ganze Menschheit betreffen. Der weltweite Kampf gegen das Coronavirus ist nur eines. Andere wären beispielsweise der Klimawandel, die Armut oder die Plünderung vieler Ressourcen ohne Rücksicht auf folgende Generationen. Doch wir kommen da nur langsam voran, weil viele Staaten oder manchmal auch einzelne Gruppen oder Konzerne auf ihren Vorteil, ihre Privilegien achten. Und das geht bis hinunter in den Alltag: Wir reden aneinander vorbei, verstehen uns nicht, unsere Pläne und Ideen passen nicht immer zusammen. Gemeinsam etwas anpacken und bewältigen ist schwer, immer ist da wer, der oder die andere Ideen hat, etwas anderes will, der sich für etwas besseres hält oder allen sagt, wo es langgehen soll. Das gibt es in allen Bereichen, wo Menschen zusammenkommen. Denken Sie nur daran, wie viel Streit es zwischen Eltern und Kindern gibt, weil die Zukunftspläne andere sind. So gibt es das auch in der Familie, wo man doch eigentlich meint, die verstehen einander.

Diese uralte Erzählung hat an Aktualität nichts eingebüßt. Das betrifft den Streit aufgrund der sprachlichen oder anderen Unterschiede genauso wie die Idee des Menschen, sich mit überzogenen Projekten „einen Namen zu machen.“ Was aber, so fragen Sie sich jetzt vielleicht, hat das mit dem Pfingstfest zu tun. Sie hörten die Pfingstgeschichte ja vorhin als Schriftlesung. Pfingsten feiern wir den Mut der Jünger, welche vom Geist Gottes getragen, aus der kleinen verängstigten Gruppe herausgehen, Gott in aller Öffentlichkeit loben und damit beginnen, die Menschen für Jesus Christus zu begeistern. Sozusagen also den Geburtstag der Kirche. Denn die Gemeinde besteht jetzt nicht nur aus dem engen Kreis der Jünger, sondern es sind Menschen dazugekommen, die Jesus nur von den Erzählungen und dem Lebenswandel anderer kennen – so wie wir auch.

Nach Pfingsten ist also alles gut, die Konflikte und die Uneinigkeit ist beendet, weil alle eins sind in Christus. Jeder versteht die Botschaft des anderen, alle wollen das Gleiche, sind wie eine große Familie. Babel wird rückgängig gemacht. Wir kehren zurück zu den paradiesischen Zuständen, als alle sich verstanden, nicht miteinander konkurrierten, sondern miteinander an den gleichen großen Aufgaben arbeiteten. Ach ja, wenn es denn mal so wäre! Doch wer von uns kann das: Babel rückgängig machen? Das wäre eine Aufgabe, die noch viel schwerer ist, als einen Turm zu bauen, der bis in den Himmel reicht. Unmöglich für einen Menschen.

Aber eben nicht unmöglich für Gott und davon spricht die Pfingstgeschichte. So, wie Babel vom Ende der menschlichen Eintracht erzählt, so erzählt die Pfingstgeschichte vom grenzenlosen Volk Gottes. Die Taufe macht aus den verschiedensten Nationen eine Christenheit, eine Kirche. So weit so gut. Was hindert uns also daran, Babel endlich zu vergessen, fast 2000 Jahre nach Pfingsten wäre es ja mal an der Zeit dafür? Doch noch immer leben wir eher babylonisch als pfingstlich. Ich vermute, es liegt daran, dass wir immer noch eher so sind wie die Leute von Babel und nicht so wie die Jünger damals in Jerusalem, sieben Wochen nach Ostern, nach der Auferstehung ihres Herrn. Wir schmieden Pläne, entwerfen Projekte, machen uns Gedanken, wie wir uns einen Namen machen können, etwas bleibendes schaffen könnten, wie wir nach oben kommen. Manche machen das ziemlich deutlich, andere eher verborgen. Viele von uns basteln an ihrer Karriere, an ihrem Aufstieg. Doch wir kommen nur weiter nach oben, wenn wir andere unten lassen oder im schlimmsten Fall hinabstoßen. Denn unten ist viel Platz, aber je weiter man nach oben kommt, desto enger wird es. Und nach diesen Spielregeln leben wir, auch wenn wir ahnen, dass es auch anders gehen könnte, auch wenn die Bibel uns ein anderes Lebensmodell ans Herz legt.

Was also haben die Jünger damals anders gemacht als wir heute? Den guten Willen, die Menschen zueinander zu bringen, endlich weltweit Frieden und Gerechtigkeit zu haben, unsere Welt auf Dauer lebenswert zu lassen, den haben wir doch auch. Wo also liegt der Unterschied? Vielleicht darin, dass wir das alles selber erreichen wollen. Mit unseren Plänen, unseren Tagungen, unseren Kommissionen, unseren Protesten. Wir warten nicht, bis Gottes Geist zu uns kommt, wir wollen unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen, wir wollen sie selbst bestimmen. Und weil wir immer noch viel von Babel in uns tragen, haben wir sehr unterschiedliche Ideen, wie es gehen sollte.

Ja, wir Christenmenschen haben – Gott sei Dank – andere Pläne mit der Welt als so mancher Wirtschaftsboss oder als ein machthungriger Diktator. Doch auch wir schmieden unsere Pläne oft selber. Das Warten auf Gottes Geist, von ihm begeistert werden und dann die anderen mit unserem Gotteslob anstecken, das fällt uns schwer. Nicht zuletzt leben wir in vielen Bereichen nach den Regeln dieser Welt. Manches davon ist einsehbar, zum Beispiel die Hygieneregeln bei Corona. Anderes ist fraglich, zum Beispiel die Finanzwirtschaft und Personalplanung der Kirchenleitungen, die sich nur unwesentlich von einem Wirtschaftsunternehmen oder einer Stadtverwaltung unterscheidet.

Sicher gibt es Gründe, die uns vorsichtig bleiben lassen. Wer von uns weiß denn schon ganz genau, von welchem Geist der andere getrieben wird? Woran erkennen wir Gottes guten Geist in den anderen und bei uns? Wer prüft die Geister und wie werden wir die wieder los, die wir nicht wollten? So vieles erscheint auf den ersten Blick wie ein großartiger Fortschritt und erst im Nachhinein sehen wir erschrocken, was wir da angerichtet haben, sei es in Forschung, Technik oder Politik oder auch im zwischenmenschlichen Bereich. Nehmen sie als Beispiel den Atomausstieg. Wenn man die Geschichte der Kernenergie rückblickend in vielleicht 50 Jahren betrachtet, werden viele erschrocken sein, was für gigantische Geldmengen man da ausgegeben hat, anstatt von Anfang an auf sinnvollere Energiekonzepte zu setzen. Und auch in 500 Jahren werden die Menschen sich mit dem strahlenden Müll rumärgern, den wir produziert haben.

Aber zurück zum Warten auf Gottes Geist! Vieles müsste sich bei uns ändern, in unserem Denken und Handeln, wenn wir warten und nicht ständig selber aktiv werden wollen. Vor allem müssten wir mehr Geduld haben. Mit uns, mit unseren Mitmenschen und auch mit Gottes Geist. Wie soll denn Gottes Geist zu uns kommen, wenn wir immer nur geschäftig hin und her rennen, den Kopf gar nicht frei haben, vor lauter Ideen und Gedanken? Dann kann es auch mal sieben Wochen oder mehr dauern bis wir wissen, wie es denn weitergehen soll. Und bevor wir dann die Ärmel aufkrempeln und loslegen, sollte noch genug Zeit bleiben, um Gott zu loben und zu danken. Aber wann geben wir uns diese Zeit? „Wir haben ja sowieso keine Zeit,“ sagen die Leute von Babel. „Wir müssen was tun, müssen etwas schaffen, uns einen Namen machen, wir wollen groß und wichtig werden, bevor uns die Zeit davon läuft,“ so rufen sie und hören nicht auf, ihre Pläne zu machen.

Doch in den Herzen der Getauften, in den Köpfen der Christenheit, da ist nicht Babel, da ist Pfingsten. Das müssen wir uns nur immer wieder klarmachen. Da sollten wir auf das Wehen des Geistes hören. Das muss dann nicht immer ein lautes Brausen sein, welches die Leute aus der ganzen Stadt anlockt. Doch wenn von dem sanften Wehen des Geistes wenigstens einige angelockt werden, um dann Gottes Liebe zu empfangen und weiterzugeben, wäre das schon eine Menge.

Der Geist weht, wo er will, so heißt es. So bleibt uns nur zu hoffen und dafür zu beten, dass er auch bei uns weht und uns einsame Bewohner Babels zu Bürgern des Reiches Gottes verwandelt, wo jeder den anderen versteht und alle das gleiche wollen, nämlich Gott loben und in seinem Geist reden und handeln. Nicht, um sich einen Namen zu machen, sondern allein zur Ehre Gottes. Amen

Schlagworte: predigt

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  • Zuletzt geändert: 28.11.2020 13:24
  • von Manuel Krischer